Poesiealbum: „Sonst ist‘s mit unserer Freundschaft aus“

Mit Schwitzehändchen: Früher hing viel von ein paar Zeilen im Poesiealbum ab. Das ist heute anders

Als ich endlich reinschreiben durfte, schlug mein Herz höher. Klassensprecherin Jutta hatte mich auserkoren. Sie überreichte mir ihr Poesiealbum. Zwei blütenweiße Seiten hatte Jutta für mich reserviert. Klitzeklein stand mit Bleistift mein Name oben in der Ecke. Wow, war ich stolz. Rechts schreiben, links kleben oder malen. Weil Jutta wichtig war, beschloss ich, ihr das zweitschönste Glanzbild aus meiner Sammlung zu opfern. Fohlen mit Glitzer. Das Schönste (Cockerspaniel-Welpen mit Glitzer) wollte ich nämlich selbst behalten. Danach ging der Stress los. Ich musste hauchdünne Linien zeichnen und darauf ohne Fehler schreiben: „Wenn Du einmal traurig bist und das Lachen ganz vergisst, schau in dieses Album rein: Bald wirst Du wieder fröhlich sein!“

Retten, was nicht mehr zu retten war

Ging natürlich schief. Ich verschrieb mich, strich hektisch durch, schmierte drüber, versuchte mit Tintenkiller zu retten, was nicht mehr zu retten war. Das Glanzbild klebte schon links, ich riss die rechte Seite raus, weitere Seiten lösten sich. Ich bekam Panik. Denn Jutta hatte mich schriftlich gewarnt: „Reiß‘ bloß keine Seiten raus, sonst ist’s mit unserer Freundschaft aus.“ Puh! Und das, wo die Freundschaft doch gerade erst beginnen sollte. Und Jutta in meinem Album mit Herzchen notiert hatte: „In allen vier Ecken soll Liebe drin stecken.“

Der Trend geht zum Drittbuch

Meine Kinder haben solche Probleme heute nicht mehr. Stapelweise schleppen sie Freundschaftsbücher an, die frei von Herzklopfen und Schwitzehändchen ausgefüllt werden wie lästige Lückentexte. In sozialen Übergangssituationen (zum Beispiel beim Gruppen-Wechsel von den Tanzmäusen zu den Power-Trommlern) geht der Trend zum Zweit- und Drittbuch. Vorgedruckte Hefte mit fertigen Linien lesen sich ungefähr so aufregend wie ein Formular aus dem Einwohnermeldeamt. Name, Geburtsdatum, Adresse. „Ich habe oben meinen Namen hingeschrieben, du kannst den Rest machen“, erklärt mein Sohn (Jungens dürfen nämlich heute auch) und legt mir das neueste Meine-Freunde-Buch auf den Schreibtisch.

Den Rest macht dann Mutti

Ich staune. Tatsächlich machen die anderen Eltern das ebenfalls. Zumindest die der Jungens. Vorname in Krakelschrift, die Formalitäten macht Mutti. Erst am Schluss wird’s wieder kreativ. Lieblingsessen? „Pommes.“ Klingt ein bisschen peinlich. Immerhin hat Philipp von nebenan „Spinat“ diktiert. „Du fandest den Brokkoli-Auflauf gestern doch ganz gut“, sage ich vorsichtig bei dem Gedanken, dass die Eltern aus der Nachbarschaft draufgucken werden, wenn sie dran sind. „Zu lang“, findet das Kind. Und was soll ich bei „Das spiele ich gerne“ und „Das kann ich gut“ schreiben? Das Kind ist mittlerweile Profi im Umgang mit Freundschaftsbüchern. „Mach einfach einen Strich. Das macht man so, wenn einem nichts einfällt.“ Und das Bild? Smiley reicht. Er malt zwei Punkte und einen Halbmond unter den Schriftzug „Mein Foto“. Damit würde er in keiner Behörde durchkommen, aber für ihn reicht‘s.

Gemein: Glitzerfohlen herausgetrennt

Ich erzähle ihm von Jutta. Wie ich ihr damals das ramponierte Buch zurückgeben musste. Wie sie mich anmeckerte, verächtlich auf meine mühsam mit Tesafilm reparierte Seite blickte, nicht meine Freundin wurde – aber das Glitzerfohlen für ihre Sammlung heraustrennte. „Gemein“, sagt mein Sohn. Recht hat er. Das Formulare-Ausfüllen hat auch etwas Demokratisches. Immerhin hängen Kinderfreundschaften heute nicht mehr von ein paar Zeilen ab.

 

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Fotos: Albert