Wenn Kinder nichts erzählen

Wenn Kinder nichts erzählen: Diese Tricks helfen

Wenn Kinder nichts erzählen, sind Eltern verunsichert. Stellen sie die falschen Fragen?

„Der erzählt ja nichts“, seufzt Torbens Mutter. Wenn sie etwas über den Kita-Alltag ihres vierjährigen Sohnes erfahren möchte, muss sie nur ihre Nachbarin fragen. Die ist zwar nicht den ganzen Tag in der Kita, doch sie weiß trotzdem ziemlich viel. Denn sie ist die Mutter eines Erzähl-Kindes. Ihre Tochter Marla erstattet jeden Nachmittag ausführlich Bericht und plaudert meist schon auf dem Heimweg über das, was sie in der Mäusegruppe erlebt hat. Wer mit wem spielt. Wer wen ärgert. Wer geweint hat. Oder warum die Erzieherin geschimpft hat. Auch über die Erlebnisse anderer Kinder berichtet Marla gern. Neulich erzählte sie zum Beispiel, dass Torben auf dem Weg zum Spielplatz zum ersten Mal in seinem Leben einen riesigen schwarzen Hund gestreichelt hat. Torbens Eltern erfuhren das Ereignis von Marlas Mutter und nicht von ihrem eigenen Sohn.

Mama: Wie war‘s denn in der Kita? – Kind: Gut

„Wenigstens so positive Erlebnisse, auf die er bestimmt stolz ist, könnte er uns doch mal erzählen“, sagen Torbens Eltern. Sie sind verunsichert, weil ihr Sohn zur Gruppe der Erzähl-Verweigerer gehört. Er ist sonst ein aufgewecktes Kerlchen, keineswegs schüchtern, sondern einfach nur „maulfaul“, wie seine Mutter es nennt. Wenn Mama sich nach seinem Tag erkundigt („wie war’s in der Kita?“), erklärt Torben offenbar völlig gleichgültig „gut“ und hüpft davon. Fragen wie „Was habt ihr gemacht?“ beantwortet er mit „gespielt“ und wendet sich gelangweilt ab. Stellen die Eltern die falschen Fragen? Hat Torben etwas zu verbergen? Vertraut er Mama und Papa nicht ausreichend? Fehlt ihm etwas, wenn er seine Familie nicht an seinen Erlebnissen teilhaben lässt? Oder gibt es unter Kindern einfach Plauderer und Zauderer in Sachen Berichterstattung zu Hause? Wie sollen sich Torbens Eltern verhalten?

Hat das Kind ein Schweigegelübte abgelegt?

Wer dieses Phänomen bei seinem Kind beobachtet, darf entspannt bleiben. Erstens ist es weit verbreitet und zweitens kein Grund zur Sorge. Maulfaule Mädchen und Jungen meinen das nicht böse. Wie bei Erwachsenen gibt es auch unter Kinder welche, die sich eher zurückhalten, und andere, die reden wie ein Wasserfall. Das sollten große Leute akzeptieren. Es ist weder ein Erziehungsfehler noch mangelndes Vertrauen innerhalb der Familie, wenn Kinder zu Hause so auftreten, als hätten sie ein Schweigegelübte über die Geschehnisse in der Kita oder im Unterricht abgelegt. Für sie ist einfach vieles schon erledigt, sobald der Kindergarten- oder Schultag zu Ende ist. Wir Erwachsenen kennen das auch. Ein routiniertes „Wie war es heute in der Arbeit?“ beantworten wir meist etwas gelangweilt, aber höflich mit „gut“ und haken das Thema dann ab. Wenn aber etwas Aufregendes passiert ist, erzählen wir von ganz allein zu Hause davon. Trotzdem ist es natürlich schön, wenn einer etwas vom anderen erfährt. Doch reines Abfragen nimmt die Lust am Erzählen. Viel besser kommen Eltern oder Großeltern mit den Kleinen ins Gespräch, wenn sie diese sieben Punkte beachten:

1. Ist die Nachfrage nur eine Floskel? Hören Sie aufmerksam zu

Manche Kinder reden wenig, weil sie die Erfahrung gemacht haben, dass es nicht lohnt zu antworten. Sie haben das Gefühl, dass es Mama oder Papa doch nicht interessiert, was sie sagen. Wer mag schon berichten, wenn das Gegenüber aufs Handy konzentriert ist oder sich immer mit einer knappen Antwort zufrieden gibt, weil die Nachfrage nur eine Floskel ist? Kinder spüren, ob das Interesse echt ist. Hören Sie deshalb auch im Alltag zu, wenn das Kind begeistert von einer Geschichte, einem neuen Spiel, einem anderen Kind oder einem Tier erzählt.

2. Ruhe gewähren: Nicht sofort alles aus der Nase ziehen

Ob im Büro oder in der Kitagruppe – nach anstrengenden Tagen haben viele Leute keine Lust mehr zu reden. Akzeptieren Sie das auch bei Ihrem Kind. Gibt es sich wortkarg, ziehen Sie ihm nicht jedes Wort aus der Nase. Schweigen ist erlaubt und kann entspannend sein – und zwar so lange, bis alle Beteiligten sich ein bisschen erholt haben.

3. Bitte nicht vergleichen: Reagieren Sie angemessen

„Greta erzählt ihrer Mutter alles. Warum machst du das bei uns nicht?“ Eine solche Frage ist ein unfairer Vergleich, der das Kind verstummen und an sich zweifeln lässt. Vielleicht ist Greta die nervendste Quasseltante aus der Gruppe. Auch Beleidigtsein („dann spreche ich nicht mehr mit dir“), Bestrafungen („dann gibt‘s heute kein Eis“) oder Belohnungen („wenn du mir was erzählst, darfst du länger fernsehen“) sind unangemessen.

4. Wenn Kinder nichts erzählen, auf den richtigen Zeitpunkt warten

Zeigen Sie statt dessen Geduld und warten Sie mit dem Gespräche-Anregen auf den richtigen Zeitpunkt. Zum Beispiel sind viele Kinder abends im Bett, wenn sie sich wünschen, dass ein Erwachsener noch länger auf der Bettkante bleibt, plötzlich sehr gesprächig. Auch das gemeinsame Abendessen, eine Autofahrt, ein Spaziergang oder langweilige Wartezeiten fördern die Kommunikation.

5. Fragen Sie nicht allgemein, sondern so konkret wie möglich

Wer langweilig fragt („wie war es?“), bekommt auch einsilbige Antworten („gut“). Fragen Sie statt dessen konkreter: Was hast du heute gespielt? Was war das Beste? Konntest du dich mit Philipp wieder vertragen? Hat die Erzieherin gelacht? Worüber hast du dich gefreut? Weint Luca immer noch so viel? Warum ärgert Liane eigentlich Tobias? Warum findest du Sebastian doof?

6. Nicht gleich besserwisserisch werden

„Das kann doch gar nicht sein.“ – „Mensch, da hättest du besser aufpassen müssen.“ – „Ich habe dir doch schon oft gesagt, dass du das lassen sollst.“ Wer etwas von sich erzählt und sofort mit einem belehrenden Kommentar rechnen muss, hält sich schnell zurück. Auch wenn manche Situationen in den Erzählungen unglaubwürdig klingen oder das Kind sich nicht optimal verhalten hat, sollten Eltern nicht alles korrigierend kommentieren. Gerade bei zurückhaltenden Kindern kann man eine Geschichte auch einfach mal so stehen lassen.

7. Das Kind hat Kummer? Geben Sie Starthilfe

Sie haben das Gefühl, dass Ihr Kind Kummer hat, aber nicht damit herausrückt? Auch da hilft ein allgemeines „Erzähl mal“ wenig. Vor allem, weil das Kind vielleicht gar nicht weiß, wie es sein Problem in Worte fassen kann. Wenn Sie einen Verdacht haben, können Sie ihm Starthilfe geben, indem Sie eine Geschichte von einem anderen Kind oder von sich selbst früher erzählen. Auch eine Vorlesegeschichte kann zu Gesprächen anregen.

Foto: Gabby Orcutt on Unsplash 

 

 

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