Eltern pflegen

Müssen wir unsere hilfsbedürftigen Eltern pflegen?

Gut gemeint, aber kaum zu schaffen: Wenn erwachsene Kinder mit Pflege überfordert sind

Die eigenen Eltern pflegen? Es ist ein moralisch anständiger Gedanke: Am Anfang des Lebens kümmern sich die Eltern um die Kinder, versorgen sie, ziehen sie groß, helfen ihnen, bis sie auf eigenen Beinen stehen. Am Ende kommt dann der Dank dafür. Die Kinder sollen für Mutter und Vater da sein, wenn die ihr Leben nicht mehr alleine bewältigen können. Weil es sich so gehört. Man muss sich schließlich um die Familie kümmern, wenn dort jemand Hilfe braucht. Das setzt die jüngere Generation unter Dauerdruck. Viele denken: Ich müsste mehr tun. Meine Mutter öfters besuchen. Mehr mit meinem Vater reden – auch dann, wenn sie sich schon sehr engagieren, haben sie immer das Gefühl, dass es nicht reicht.

Vor allem Frauen fühlen sich verpflichtet, die Eltern zu pflegen

Am Anfang ist das oft noch selbstverständlich. Doch je länger es dauert, desto schwieriger wird es. Die Kinder sind mit der Aufgabe überfordert. Vor allem Frauen fühlen sich verpflichtet, Eltern oder Schwiegereltern im Alter zu pflegen. Häufig, weil die Familie es unausgesprochen von ihnen erwartet. „Mich hat niemand gefragt. Es war selbstverständlich, dass ich das übernehme, weil ich nicht arbeite“, sagen viele Frauen. Massive Probleme sind vorprogrammiert. Die Pflegenden stoßen an ihre Grenzen und fühlen sich deshalb schuldig. Sie versuchen, es besser zu machen und brechen irgendwann zusammen.

Eltern zu pflegen, bedeutet Macht über sie zu haben

In vielen Fällen lassen sie ihre Wut und Unzufriedenheit dann an den betagten Eltern aus. Denn die Macht dazu haben sie. Mit der Hilfsbedürftigkeit geht ein Rollenwechsel einher. Jetzt sind die Kinder die Vernünftigen, die ihre Eltern ermahnen. („Mensch, bist du verrückt, du kannst dich doch nicht einfach aufs Fahrrad setzen“ – „Siehst du denn nicht, dass hier mal geputzt werden müsste?“ – „Du darfst doch nicht einfach vergessen, die Haustür abzuschließen!“). Solche Feststellungen verletzten die Würde, auch wenn sie objektiv richtig sind. Hier ist Geduld und Verständnis für die Schwierigkeiten gefragt, die mit dem Älterwerden einhergehen. Doch für die Helfer, die auf sich allein gestellt sind, ist es oft unmöglich, genau das aufzubringen.

Pflegende brauchen Unterstützung: Holen Sie sich Hilfe

Erschwerend kommt hinzu, dass viele Eltern-Kind-Beziehungen alles andere als harmonisch sind und immer waren. Wer sich als Kind zurückgesetzt, benachteiligt oder verletzt fühlte, wird später kaum liebevoll mit Mutter oder Vater umgehen. Wie können Kinder sich trotzdem angemessen um jemanden kümmern, ohne sich selbst zu überfordern? „Holen Sie sich rechtzeitig Hilfe, etwa bei Wohlfahrtsverbänden oder anderen Beratungsstellen“, sagt die Familientherapeutin und Buchautorin Birgit Lambers.

Eltern pflegen: Niemand muss bis zum Ende durchhalten

Wer pflegebedürftige Eltern bei sich aufnehmen will, sollte sich das gut überlegen. Ein Heim oder professionelle Pfleger sind häufig die bessere Lösung. Das muss ja nicht gleich bedeuten, dass die Kinder ihre Eltern auf Nimmerwiedersehen abschieben. Sie können Mutter oder Vater besuchen, werden aber nicht ihre Opfer. Wer nach ein paar Jahren Pflege zermürbt ist, sollte sich von dem Gedanken befreien, bis zum Ende durchhalten zu müssen. Auch im Sinne der Eltern. Denn niemand möchte ernsthaft, dass die Tochter oder der Sohn sein eigenes Leben aufgeben muss und vor den Augen von Mutter oder Vater zusammenbricht.

Buchtipp

Birgit Lambers hat einen einfühlsamen Ratgeber über das Thema geschrieben: „Wenn die Eltern plötzlich alt sind — Wie wir ihnen helfen können, ohne uns selbst zu überfordern“ (Kösel-Verlag, 17,99 Euro)

 

 

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