Knigge für Weintrinker: So vermeiden Sie Peinlichkeiten

Um sich beim Wein nicht als Kulturbanause zu blamieren, helfen ein paar Regeln

Beim Weintrinken hängen viele Leute gerne den Kenner heraus. Es geht schließlich um Genuss und wirkt kultiviert, sich mit dem feinen Tropfen auszukennen. Leider führt übertriebenes Richtigmachen-Wollen ebenso oft zu Peinlichkeiten wie das Ignorieren der wichtigsten Grundregeln. Lesen Sie hier, wie Sie die schlimmsten Fettnäpfchen vermeiden.

1. Pannenfrei die Flasche öffnen

Normalerweise öffnen Sie als Gastgeber die Weinflasche am Tisch vor den Augen Ihrer Gäste. Damit zeigen Sie, dass ein Original serviert wird und keine zusammengepanschte Mischung. Ziehen Sie den Korken möglichst ohne Plopp, denn das geht zu Lasten des Weinaromas. Ist die Flasche pannenfrei geöffnet, sollten Sie kurz daran riechen und den ersten Schluck selbst probieren. Starker Korkgeruch deutet auf einen sogenannten kranken Korken hin. Davon sprechen Kenner, wenn der Korken den Wein ungenießbar gemacht hat. Das kommt bei etwa acht Prozent aller Korken vor. Der Wein schmeckt dann verdorben nach verschimmelten Kartoffeln und riecht muffig nach Keller. Im Restaurant kann man in diesem Fall Ersatz verlangen, zu Hause ist es ärgerlich. Gesunde Korken riechen nach Wein oder neutral. Ist alles in Ordnung, füllt der Gastgeber die Gläser seiner Gäste (das Etikett auf der Flasche zeigt dabei nach oben) und danach sein eigenes – und zwar vorsichtig, ohne dass es spritzt. Nachkleckern aufs Tischtuch verhindert man mit leichtem Drehen („abschwenken“). Bricht der Korken beim Aufmachen ab, ist das kein Weltuntergang. Vielleicht lässt sich der zweite Teil im nächsten Anlauf retten. Bevor Sie zu großes Besteck auffahren und dem festsitzenden Restkorken mit Stricknadel und Löffelstiel zu Leibe rücken, kann eine Korkenspange zum Einsatz kommen. Oder Sie schütten den Wein in eine Dekantierkaraffe und sieben dabei Korkreste heraus. Damit das Umgießen keine Sauerei wird, halten Sie den abgebrochenen Korken in der Flasche mit einem schmalen Besteckstiel zurück.

2. Am Glas angenehm auffallen

Jetzt ist der Einstieg geschafft. Die Gäste sind an der Reihe zu zeigen, was Sie über Knigge und Co. wissen. Basisregel: Das Glas wird nur am Stiel angefasst. Bei Rotwein ist diese Regel allerdings umstritten. Kommt er kalt aus dem Keller auf den Tisch, darf er mit der Hand leicht erwärmt werden. „Nicht lang schnacken, Kopf in Nacken“ – bei solchen Kampftrinker-Sprüchen läuft es Weinkennern kalt den Nacken herunter. Der gute Tropfen wird nicht in möglichst großen Schlücken herunter gekippt, sondern in kleinen Schritten genossen und vorher im Mund gewogen. Wein ist kein Durstlöscher (das erledigt der Mensch von Welt mit Wasser). Auch die Vermischung mit Essen wird nicht gerne gesehen. Gegen fettige Lippenabdrücke auf dem Glas hilft Abtupfen mit der Serviette vor jedem Schluck und nicht mit vollem Mund zu trinken. Der fieseste Fauxpas passiert meist, wenn man besonders elegant wirken will und und den kleinen Finger vermeintlich vornehm abspreizt. Die „Teetässchen-Haltung“ gilt bei vielen Leuten als affektiert. Sie hat verschiedene Hintergründe, die alle nicht so schön sind, dass man sie gerne zum Gesprächsthema machen würde. Kostprobe? Zu Ritterzeiten sollen Damen den kleinen Finger beim Anfassen des Trinkbechers abgespreizt haben, weil der sonst zum Reinigen des Afters gebraucht wurde. Aus Frankreich ist überliefert, dass man im 17. und 18. Jahrhundert damit zu verstehen gab, unter einer Geschlechtskrankheit zu leiden. Ob es stimmt oder nicht – irgend jemand könnte es erzählen. Also besser nicht zum Thema machen und alle Finger am Glas lassen.

3. Probierschluck: Feuerprobe und Balanceakt

Der sogenannte Probierschluck ist die Feuerprobe für Kenner und Nichtkenner. Das Vorkosten gilt heute nicht mehr automatisch als Privileg des Mannes. Wer erkennbar einlädt, den Wein bestellt oder sich im Restaurant anderweitig als Gruppenoberhaupt verdächtig macht, wird zur Flasche gebeten und muss den ersten Schluck für gut befinden, bevor die anderen damit versorgt werden. Um den Tester herum entsteht meist schlagartig unangenehme Stille. Gespräche verstummen, alle Augen sind gebannt auf ihn oder sie gerichtet, und nicht nur einer fragt sich heimlich: Was muss der Auserwählte jetzt eigentlich tun? Vorsicht, wenn Sie glauben, eine theatralische Show als Weinversteher abziehen zu müssen. Also das Glas so schwenken, dass es schwappt, übertrieben tief rein riechen, gurgeln, den Wein „kauen“, vielleicht noch hörbar schmatzen, um zu zeigen, dass man den Job ernst nimmt, und dann freudig „Lecker!“ rufen – oder die Stirn runzeln und nachfragen: „Den hatte ich mir jetzt etwas herber vorgestellt. Haben Sie vielleicht noch einen anderen?“ Der Probierschluck ist keine Weinprobe. Es geht nicht darum, ob Sie den Wein mögen oder nicht. Sie sollen nur feststellen, ob geliefert wurde, was Sie bestellt haben (dafür ist der Blick aufs Etikett gedacht), ob die Temperatur stimmt und dass der Wein keinen Fehler hat. Ist alles in Ordnung, reicht ein zustimmendes „Gut, vielen Dank“. Bestehen aber Zweifel, kommt es zum nächsten Balanceakt. Denn den Wein allzu cool einfach abzunicken, um sich nicht als Greenhorn zu outen, ist auch nicht optimal. Die anderen müssen schließlich trinken, was der Tester für gut befunden hat, und bemerken eventuelle Weinfehler, die ihm durchgerutscht sind. Zum Glück ist in solchen Fällen Nachhilfe erlaubt: Testen Sie ruhig ein zweites Mal. Wenn das nicht hilft, dürfen Sie ohne Gesichtsverlust delegieren. Sitzt ein ausgewiesener Weinkenner am Tisch? Dann ist der dran. Oder der Kellner springt helfend ein. Für den Mut, sich beraten zu lassen, muss sich niemand schämen.

4. Richtig prosten, ohne Prost zu sagen

Prost! Es ist ein alter Brauch, beim Zusammenkommen Gläser aneinander scheppern zu lassen. Die Tradition stammt aus Zeiten, in denen das Ritual das Überleben sicherte. Man stieß so heftig ein Trinkgefäß ans andere, dass sich die Flüssigkeiten darin automatisch vermischten. Ein cleverer Schachzug, um vom Gegenüber nicht vergiftet zu werden – was damals durchaus vorkam. Auch heute ist das Anstoßen vor allem im privaten Bereich noch sehr verbreitet, während bei Geschäftsessen häufig ganz darauf verzichtet wird. Das Glas heben, lächelnd Blickkontakt zum Gegenüber suchen und mit einem „Cheers“ zuprosten, ohne Glas an Glas zu stoßen, – das reicht im Business meistens aus. „Prost“ kommt aus dem Lateinischen und heißt eigentlich „Prosit“ für „Es soll bekommen“. Wer etwas auf sich hält, vermeidet das Wort aber tunlichst und sagt beim Wein „Zum Wohl“ oder „Auf Ihr Wohl“. Angestoßen wird dann nicht am oberen Rand, sondern im leichten Winkel am Bauch des Glases, sodass nicht mehr als ein zarter Klang ertönt. Mit dem Trinken geht‘s natürlich erst los, wenn alle am Tisch Wein haben. Ist die Runde eröffnet, muss nicht erneut angestoßen werden. Wer das trotzdem vor jedem Schluck einfordert, nervt seine Mitmenschen meist ziemlich schnell. Auch Trinksprüche sind ein heikles Thema. Ein gewollt prolliges „Prostata“, ein vermeintlich cooles „Hau weg den Scheiß“ oder das legendäre „Von der Mitte zur Titte zum Sack, zack zack“? Nicht schwer drauf zukommen, dass so etwas für Kniggefreunde das absolute Grauen ist. Zum Glück kennen die meisten Menschen aber den Unterschied zwischen Bierzelt und Galadinner.

5. Nachschenken, ohne jemanden zu düpieren

Mit der ersten Runde ist die Gefahr von Peinlichkeiten leider noch nicht gebannt. Im Laufe des Abends wird immer wieder nachgeschenkt – und schon stehen echte und vermeintliche Weinkenner vorm nächsten Problem: Wie bekomme ich Nachschub? Darf ich mich selbst versorgen und nachgießen, wie es mir passt? Oder ist das den Restaurantfachkräften, dem Gastgeber und den Sitznachbarn vorbehalten? Für Freunde der Etikette gilt: Nur der Service und der Einladende darf nachschenken; für die Gäste ist das tabu. Bestenfalls bringt der Kellner niemanden in Verlegenheit und erledigt das zuverlässig in angemessenen Zeitabständen. Es gehört zu seinen Aufgaben. Leider ist darauf aber nicht immer Verlass. In solchen Fällen muss der Gastgeber die Initiative ergreifen – erst einmal ohne den Kellner zu düpieren, also geduldig, stilvoll und möglichst unauffällig mit kleinen Zeichen. Übersieht die Fachkraft vom Service das so geflissentlich, dass das Essen kalt wird, kommt der Gastgeber um Selbsthilfe nicht herum, damit die Gesellschaft nicht auf dem Trockenen sitzt. Wichtig zu wissen: Weingläser werden maximal zu einem Drittel gefüllt, bei volumigen Gläsern reicht ein Viertel. Damit der Wein seine Aromen (Bouquet) voll entfalten kann, braucht er genug Platz und Sauerstoff.

6. Kleckern: Kein Gedöns darum machen

Niemand macht das mit Absicht, aber es passiert: Wein schwappt über, ein Glas kippt – und das gute Hemd oder Kleid des Tischnachbarn ist bekleckert. Kleine Ungeschicklichkeiten sind normalerweise keine Katastrophe, können es aber werden, wenn man zu viel Gedöns darum macht – entweder als Opfer („iiihhh, pfui, Sie haben mich bekleckert“) oder als Täter, der sich gar nicht wieder einkriegt, das Malheur gleich am Tisch beheben will und dem Bekleckerten mit Taschentuch und Serviette vor aller Augen zu Leibe rückt. Stürzen Sie über keinen von beiden Stolpersteinen, indem Sie kein Aufheben machen, sich entschuldigen und anbieten, den Schaden zu bezahlen. Oder – wenn es Sie selbst getroffen hat – kurz auf die Toilette entfliehen, um zu retten, was zu retten ist. Auch wer sich selbst bekleckert, tut gut daran, das diskret zu lösen und keine Selbstbeschimpfungs-Arie („ich Supertrottel, ich bin so blöd, das passiert mir immer“) abzuziehen. Zuschauer mit gutem Benehmen gehen darüber hinweg, als wäre nichts gewesen.

7. Bloß nicht die Kontrolle verlieren

Wie viel Wein ist genug? Hier gibt es eine Faustregel: Pro Gang ein Glas. Damit weiß man noch, was man tut, und tritt weder zu bescheiden noch zu gierig auf. Zu einem mehrgängigen Essen leeren zwei Gäste im Durchschnitt eine Flasche Wein. Da jeder unterschiedliche Mengen verträgt, sollte man seine Grenzen kennen. Denn im Rausch kann einiges herauskommen, was man nüchtern wohl für sich behalten hätte. Zwar hat man selbst am Morgen danach so manche Peinlichkeit vergessen, die anderen aber leider nicht. Vor allem bei Geschäftsessen sollten Sie es unbedingt vermeiden, über den Durst zu trinken und die Kontrolle zu verlieren – das gilt auch, wenn Kollegen oder Vorgesetzte mit schlechtem Vorbild vorangehen. Die brauchen am nächsten Tag im Büro natürlich keine Moralpredigt und auch keine Erinnerungen an ihre Ausfälle. Übrigens: Es gilt mittlerweile nicht mehr als unhöflich, wenn man gar keinen Alkohol trinkt. Eine Erklärung („ich muss noch Auto fahren, habe morgen früh einen wichtigen Termin“) macht es leichter, muss aber nicht sein. Schenkt der Gastgeber Wein aus, verzichtet aber selbst darauf, sollte niemand nach den Gründen fragen.

8. Bitte nicht bei Tisch belehren

Alles bisher gut geschafft? Dann gelingt auch das Finale. Die letzte und wichtigste Regel lautet: Belehren Sie am Tisch niemals andere mit Ihren Weinkenntnissen. Wer sich ungefragt als Oberlehrer aufspielt, steht schon tief im Fettnäpfchen. Wer sich dann noch erhöht, indem er andere heruntermacht („guckt mal, wie Herr Meier sein Glas hält” – „Frau Müller hat mal wieder gekleckert” – „Von Etikette hat unser Youngster wohl noch nie was gehört”), tappt noch tiefer rein. Vergessen Sie nicht: Am Tisch sollen alle sich miteinander wohl und wertgeschätzt fühlen. Empathie zu empfinden, ist wichtiger als Fachbuchregeln aufzusagen. Vieles sind Gewohnheiten, manches ist einfach Ansichtssache; einiges kann sich schnell ändern. Es gibt kein pauschales gut oder schlecht. Zeitlos gültig bleibt, was Adolph Freiherr von Knigge schon vor mehr als 200 Jahren in seiner Benimmbibel schrieb: „Die Kunst des Umgangs mit Menschen besteht darin, sich geltend zu machen, ohne andere unerlaubt zurückzudrängen.” Sammeln Sie lieber Pluspunkte mit Freundlichkeit, Nachfragen, Interesse an anderen, Charme und Humor als mit vermeintlichen Vorschriften und Besserwisserei.

Fotos: Albert/adobestock

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