Unordentliche Schublade

Schubladenverstopfung: Wohin mit überflüssigem Krempel?

Kein Platz für Wichtiges zwischen Krümeln und Chaos? Da helfen nur radikale Maßnahmen

Nach jedem Urlaub in einer Ferienwohnung stehe ich deprimiert vor meinen Schubladen. In fremden Küchen habe ich etwas entdeckt, das ich gerne mit nach Hause nehmen würde: Ordnung, genauer gesagt das paradiesische Innenleben von Küchenschubladen, die Besteck beherbergen und sonst nichts. In Unterkünften auf Zeit ist das unglaublich toll geregelt. Da liegen zwölf Messer, zwölf Gabeln, zwölf große und zwölf kleine Löffel in einem Besteckkasten. Für jede Gattung gibt es ein eigenes Fach. Ich muss nur reinfassen, und schon habe ich das richtige Teil in der Hand.

Durchwischen ohne Ausräumen

BesteckschubladeSind nach ein paar Mahlzeiten alle Mitglieder der Standard-Besteckfamilie in der Spülmaschine, könnte ich mit einem Lappen durchwischen, ohne den ganzen Kasten auszuräumen. Die krümel- und kramfreie Schublade wäre ganzjährig gewährleistet. Im Geschirrschrank des Feriendomizils sieht‘s genauso gut aus: Heute die Suppenteller runter essen, morgen die flachen, dazwischen erledigen sich die Frühstücksbrettchen, Gläser und Tassen von allein. Spülmaschine voll. Schrank leer. Kopf frei. Das Wieder-Einräumen macht richtig Spaß.

Abgelaufene Kopfschmerztabletten in Gilb-Gelb

Bei mir zu Hause ist das leider ganz anders. Das Tomatenmesser finden? Dafür muss ich erst einmal wühlen. Offene Backpulvertütchen kippen um. Zerknickte Servietten bilden mit gebrauchten Butterbrottüten, Hustenbonbons in durchweichtem Papier und Magnesiumtabletten klebrige Gebilde, an denen Zwiebackkrümel haften. Die homöopathischen Halstropfen sind umgekippt und ausgelaufen, um die abgelaufenen Kopfschmerztabletten mit einem Gilb-Gelb zu überziehen.

Vielfältige Kulturen zwischen Messern

All diese Kulturen leben munter zwischen den Messern. Ich fasse mutig rein und räume nacheinander alle Schneidewerkzeuge mit schwarzem Plastikgriff heraus. Dann fahre ich mit dem Finger über die Klingen, um zu vergleichen: Welche hat noch spitze Zacken? Bei den ersten dreien spüre ich nichts. Also zurück damit. Irgendwann müssen die mal geschärft werden. Aber nicht jetzt. Nummer vier ist gut, wird abgewaschen und benutzt. Wenn die Tomaten bis dahin nicht alt geworden sind. Um sechs gleiche Gabeln zu finden, muss ich erst einmal Kinder-, Kuchen-, Studentenzeit- und Fremdgabeln aussortieren. Dann überlagern nur noch silberne angelaufene Erbstücke und Plastikgabeln das eigentliche Zwölf-Personen-Besteck. Jetzt gilt es wie beim Memory, Paare und Zwillings-Paare zu bilden, um auf die gewünschten Anzahl zu kommen.

Im Tassenschrank hocken lauter Individuen

In anderen Ablage-Abteilungen meiner Küche knubbelt sich ebenfalls überflüssiges Zeug. Für sechs gleiche Tassen habe ich gar keinen Platz im Schrank. Da hocken flächendeckend Individuen, aus denen niemand trinken möchte. Zum Beispiel die mit den Kitsch-Rosen neben den Elchtassen, Pumucklbechern und den Urlaubssouvenirs in Pottform mit den Vornamen der ganzen Familie, die wir nur gekauften haben, weil ein Nippes-Laden tatsächlich alle unsere Namen vorrätig hatte. Die Alltagstassen, die wir jeden Tag benutzen, muss ich kunstvoll über Kopf obendrauf stapeln. Fällt ein Tassenturm um, kippen – mit dem Effekt von purzelnden Dominosteinen – die geöffnete Haferflockentüte und die Zuckerpackung auf die Zweitzuckerdose mit der Zuckerzange. Und ich denke, wie schön das doch im Ferienhaus war.

Zweitzuckerdose für Besuchsfälle

Warum bloß schmeiße ich all den Krempel nicht einfach weg? Dann könnte ich es jeden Tag so schön haben wie im Urlaub. Doch sobald ich loslegen will in Sachen sinnvoller Entsorgung, mahnt mein Gewissen: Man weiß ja nie, wo vielleicht was fehlt. Alte Servietten eignen sich doch noch für schnelle Fleck-weg-Manöver. Die Butterbrottüten kann ich wieder verwenden. Die dicke Silberkuchengabel hat eine lange Familientradition (ignorant, wer das nicht würdigt). Ohne Plastikbesteck kein Picknick. Wer will schon schwere Löffel im leichten Körbchen auf die Wiese tragen? Die Kitschrosen-Tasse? Ein Muttertags-Geschenk der Kinder, mit Liebe gekauft. Die Elchtassen? Weihnachten ohne sie würde zu Tränen führen. Und die Zweitzuckerdose mit der Zuckerzange? Ein absolutes Must-have. Ohne sie wären wir im Besuchsfall erledigt, obwohl – ähem – sie noch nie jemand angefasst hat.

Kartons packen – aber wohin damit?

Was tun? Ich habe einen Plan. Zum Schrank- und Schubladenauswischen werde ich morgen (oder nächste Woche, vielleicht auch erst übernächste) alles, was weder in den Müll noch auf den Nachhaltigkeits-Tisch zwei Straße weiter kommt, in Kartons packen, als ob wir umziehen. Dazu raten auch Aufräumgurus und Queens of Minimalism. Dann die Kartons langsam außer Sichtweite tragen und abwarten, wer wann wonach schreit. Das muss ich durchhalten bis Weihnachten (wegen der Elch-Tassen). In Abwesenheit des Überflüssigen werden die wahrhaft wertvollen Sachen dann nach und nach die Plätze einnehmen, die ihnen zustehen. Und wir werden uns dauerhaft wie im Urlaub fühlen. Bleibt nur noch die Frage: Wohin mit dem Kram in den Kartons? Den nehmen wir im nächsten Jahr einfach mit in die Ferienwohnung. Man weiß ja nie, wo vielleicht was fehlt.

Fotos: Albert

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